Inflationssorgen, Repo und Staatsanleihen

Aufsichtsbehörden und Liquiditätsbedarf

Das ist eine bemerkenswerte Abbildung, die zeigt, dass die Volatilität der Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen in den vergangenen Wochen deutlich abgenommen hat, obwohl die Sorgen über die Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks zeitgleich wesentlich gestiegen sind.

Warum?

Die kurze Antwort ist, dass es sich dabei um eine technische Angelegenheit handelt, wie Bloomberg es beschreibt.

Was heisst das?

Banken kaufen US-Staatsanleihen (US-Treasuries), um ihren Liquiditätsbedarf zu decken, was folglich das Rendite-Niveau effektiv dämpft.

Der gegenwärtige Verlauf der Renditen auf dem UST-Markt deutet darauf hin, dass der neuerliche Preisdruck vorübergehend ist.

Würde diese Nachfragequelle versiegen, hätten wir eine neue Situation. Und die sog. Anreize würden für eine neue Konstellation auf dem Markt führen.

Die technisch bedingte Frage nach USTs ist auf die neuen Liquiditätsanforderungen zurückzuführen, die die Aufsichtsbehörden im Nachspiel der Subprime-Krise von 2008 getroffen hatten.

Die Aufseher verlangen von den Banken, sichere und liquide Vermögenswerte zu halten. Das Ziel ist, das Finanzsystem zu stützen, und Stress zu vermeiden.

Zu den hochwertigen Papieren (HQLA: High Quality Liquid Assets) gehören v.a. USTs, UST reverse repo und Reserven.

Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen (linke Achse, dunkel blau) versus Economic Surprise Index (rechte Achse, hell blau), Graph: Morgan Stanley, June 07, 2021.

Jetzt, da der IOR (Interest On Reserves) bei 0,1 % und der Reverse Repo bei 0 % liegt, schichten globale systemrelevante Banken (GSIB= Global Systemically Important Banks) ihre HQLA-Bestände in Richtung USTs um. Einige erhöhen sogar deutlich ihren Bestand an Agency MBS, die eine etwas geringere Qualität der HQLA (Level 2a) haben.

Und dies impliziert eine technische Nachfragequelle.

Während die Anleger über die Inflationsaussichten und die Reaktion der politischen Entscheidungsträger darauf diskutieren, wird die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen seit Ende März in einer engen Spanne zwischen 1,55 % und 1,65 % gehandelt.

Unabhängig davon haben die Renditen die jüngste Welle negativer wirtschaftlicher Überraschungen noch nicht vollständig widergespiegelt, eine Tatsache, die über den Sommer noch nachwirken könnte, bemerkt Morgan Stanley in einem Kommentar am Montag dazu.

Das bedeutet, dass die negative Veränderungsraten USTs kurzfristig zu einer Rally verhelfen könnten.

Die Deutsche Bank warnt zwar in einer vom Konsens abweichenden Prognose vor einer möglichen Krise durch die Inflation («eine globale Zeitbombe».

Doch die meisten an der Wall Street und bei der Fed sehen in der Inflation ein vorübergehendes Problem, das abebben wird, wenn die Sonderfaktoren abklingen.

Jan Hatzius, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, sagt, dass ein Grossteil des aktuellen Anstiegs durch die beispiellose Rolle von Ausreissern angetrieben wird, die abebben wird.

All dies deutet darauf hin, dass die Fed am eigenen Plan festhalten kann, um nur allmählich aus der derzeitigen lockeren Geldpolitik auszusteigen.