Infrastruktur und Verschuldung: Staat versus private Haushalte

Investing in infrastructure

Die US-Investmentbank, Bank of America, BofA liefert eine beachtenswerte Abbildung, was die Finanzschulden von börsenkotierten amerikanischen Unternehmen betrifft.

Wenn man die Finanzverschuldung der US-Unternehmen (Anleihen und Kredite) in absoluten Dollarbeträgen misst, ist sie in den letzten drei Jahrzehnten um das Vierfache auf 11,2 Mrd. $ gestiegen.

Vergleicht man jedoch die Unternehmensverschuldung mit dem Marktwert des Eigenkapitals, so stellt man fest, dass sie sich derzeit auf einem Rekordtief von 25 % befindet.

Was auffällt, ist, dass die Aktienkurse börsennotierter Unternehmen schneller gestiegen sind als die Verschuldung von Unternehmen.

Das bedeutet, dass die Anleger in US-Unternehmensanleihen noch nie durch einen höheren Aktienwert abgesichert waren. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass die Messlatte für die Unternehmen sehr hoch liegt, wenn sie ihre Eigenkapitalbewertungen organisch rechtfertigen wollen, ohne sich zu verschulden.

Wenn man von Teufel spricht:

Die Biden Administration hat in Reaktion auf die seit zweieinhalb Jahren anhaltenden Pandemie ein Infrastrukturpaket als Fundament für langfristige Investitionen geschnürt. Der US-Senat hat 1,2 Billionen USD bereits zugestimmt. US-Präsident will aber in dieser Hinsicht zusätzliche Massnahmen in Höhe von 3,5 Billionen USD durchsetzen.

Die Frage, mit der wir in diesem Zusammenhang immer wieder konfrontiert werden, lautet: Können wir uns es leisten? Wer soll das alles zahlen?

Der Ausgangspunkt ist der Fragestellung ist ein offenes Geheimnis: Die allgegenwärtige „Government-Business“-Analogie, die aber vollkommen irreführend ist.

Die Rendite, nominal (rot) und real (blau) US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit, und Inflationserwartungen (grau), gemessen von Breakeven Sätzen, Graph: Pictet WM, Sept 01, 2021.

Staaten sind nämlich keine privaten Haushalte. Der Staat schafft sich seine Einnahmen selbst, indem er ausgibt bzw. Investitionen tätigt. Kürzt der Staat seine Ausgaben, gerät die Wirtschaft in eine Krise.

Regierungen, die Währungen ausgeben („currency-issuer“, wie z.B. USA, Kanada, Australien, Grossbritannien, Schweden, die Schweiz), sind andererseits gegenüber Regierungen, die Währung verwenden („currency-user“, wie z.B. die Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion) sind im Vorteil.

Die Frage ist nicht, wie wir das Infrastruktur-Paket finanzieren können, sondern wie wir es mit den nötigen Mitteln ausstatten können („How will we resource it?“).

Keynes sagte 1942, dass wir uns alles, was wir tun können, auch leisten können. Mit „wir“ meinte er die Regierung (den Staat), und mit „tatsächlich tun“ meinte er, dass die physischen Ressourcen (z.B. Arbeitskräfte *) verfügbar waren.

Keynes sprach sich damals gegen die Sparpolitik (fiscal austerity), die in den späten 1920er und 1930er Jahren zu Massenarbeitslosigkeit geführt hatte.

Auch heute gilt: Alles, was wir tun können, können wir uns auch leisten. Der Staat kann alles tun, solange die Inflation stabil bleibt.

(*) US Arbeitsmarkt-Bericht August 2021: In den USA gibt es immer noch 8 Millionen arbeitslose Menschen.